event.: Clueso, weil ich sehe, dass du gerade Ingwershots trinkst: Lebst du auch sonst sehr gesund?
Clueso: Kann ich so nicht behaupten. Aber ich lebe auch nicht so krass wie andere, vor allem, wenn ich auf Tour gehe, da bin ich wie ein Boxer, da will ich funktionieren, da gibt es keine Exzesse. Denn wenn die Leute extra ihre Kinder abgeben, um auf mein Konzert zu kommen, und dann 10’000 Leute dastehen, will ich sie nicht enttäuschen, indem meine Stimme weg ist. Deshalb ernähre ich mich gut und treibe Sport. Und wenn ich im Studio bin, dann geht es höchstens ein bisschen ums Anheitern. Denn ich will ja dann auch den Take machen, der für immer ist. Da ich auch viele Features hatte mit anderen Leuten, geht man dann auch schon mal zusammen was essen oder trinken, da hat es mich schon ein paarmal mitgerissen.

… zum Beispiel mit Udo Lindenberg, der ja als Nachtschwärmer bekannt ist?
Zwar war ich mit ihm oft auf Partys, aber er trinkt halt nichts. Der hat dem Alkohol schon lange abgeschworen. Er geht eh erst morgens um 5 ins Bett – er schickt mir dann Bilder vom Sonnenaufgang aufs Handy, den ich verpasst habe.

Hinter dem Pseudonym Clueso steht der am 9. 4.1980 in Erfurt geborene deutsche Sänger, Songwriter, Produzent und ehemalige Rapper Thomas Hübner. Zur letzten Tour kamen über 100’000 Besucher, regelmässig belegen seine Alben die vorderen Plätze der Charts – sein neuntes erschien Anfang Oktober und heisst ganz einfach «ALBUM». Wir haben Clueso in Zürich getroffen.

Wie war das im Corona-Lockdown? Konntest du da konzentriert arbeiten?
Am Anfang ja, doch dann hat sich das krass verlagert so, dass ich dachte: oh jetzt habe ich noch viel mehr zu tun, weil die Leute dachten, ich hätte ja jetzt Zeit. Alle glaubten, jetzt sei der Moment gekommen, wo wir irgendwas machen können, irgendwelche Aktionen und Promo. Wir hatten ja schon vor der Pandemie die Idee, sehr viel Songs auszukoppeln. Alle zwei Monate hatte ich eine neue Nummer zu promoten. Ich habe dann quasi seit Anbeginn der Pandemie bis jetzt Songs gebaut, Videos gedreht und Promo gemacht.

Ist das anstrengend – oder bist du jetzt richtig im «Flow»?
Ich schreibe im Moment sehr, sehr gut – und habe überhaupt keine Angst vor dem leeren Blatt! Der Motor ist dermassen angeworfen! Mit dem Album, mit der Art zu schreiben. gerade ist was Neues passiert und hat eine Handschrift: Zurück zu den Wurzeln, dass ich wieder so Doppelreime habe. Viele Doppeldeutigkeiten auch in der Lyrik. Aber ich traue mich auch, grosse Refrains zu machen, was vorher nie mein Ding war. Ich hatte immer Angst vor Pathos gehabt, weil das im Deutschen sehr klebrig klingen kann, und sehr behäbig. Deshalb bin ich damals bei «Gewinner» eher privat geworden und näher herangerückt, als den grossen Refrain zu machen. Davor hatte ich bei diesem Album keine Angst, und ich wollte es ausprobieren.

Auch ist die Instrumentierung sehr interessant und speziell. Auf «Tanzen» ist eine Flöte zu hören.
Wir fanden, einen ähnlichen Beat hatten wir ja schon auf Achterbahn, lass uns da «was Kontroverses» einbauen. Flötentechno ist eigentlich out, aber da hatten wir so ein Sample. Den haben wir dann etwas verfremdet und eingebaut – und mussten erstmal lachen. Es ist lustig und strange, und irgendwann war das nicht mehr wegzudenken. Nach einer Woche ging es nicht mehr ohne die Flöte.

Was planst du denn live?
Das neue Album hat einen sehr eigenen Sound – da ist wirklich was Neues Passiert. Bei der Produktion haben wir wenig Becken und wenig Livesachen verwendet. Wenn schon Hi-Hat, dann nur künstlich – und kein Crashbecken. Das setze ich gerade mit der Band um, was sehr schwierig ist. Weil ein Drummer natürlich automatisch auf die Eins ein Crashbecken machen will. Das habe ich unterbunden, aber diese Restriktion macht was mit dem ganzen Sound. Man muss versuchen, diesen Impact genauso zu generieren, und den Minimalismus, der da drin ist. Die Produktionen haben was Aufgeräumtes und wir spielen sehr loopig, also sehr wiederholend. Das hätte ich nie gedacht, das funktioniert wahnsinnig gut.

Ihr habt im September schon wieder live gespielt – wie war das? 
Es war unfassbar! Ja, ein Konzert mit 6000 Leuten – in Apolda. Bei mir hat sich ein bisschen was entladen, durch den ganzen Druck und durch diese zwei Jahre. Das macht was mit einem, wenn man auf der Bühne steht und die Leute beim ersten neuen Song den ich spiele, so einen Applaus liefern! Das hat mich krass berührt. Das zweite, was ich nicht gedacht hätte, dass ich das vermisse, ist der fette Bass auf der Bühne. Man vergisst einfach das Laute-Musik-Hören. Wir hatten überhaupt nicht mehr auf dem Radar, wie das war – und haben teilweise barfuss gespielt, weil die Bühne so vibriert hat. Die Bassistin meinte: «Wow, ich drücke die Töne und es vibriert!» Darauf freue ich mich und auch auf die Resonanz der Leute. Die Angst ist gar nicht so gross, und alle haben schon Bock, einander ein bisschen anzurempeln und zu feiern. Es war aber auch ein Open Air.

Du ziehst deine Heimatstadt Erfurt dem mondänen Berlin vor – warum ist das so?
«Ab vom Schuss» kann man da so sein Ding machen. Ich habe ja auch den Song «Leider Berlin», aber ich will eigentlich gar nicht so gegen Berlin wettern. Ich erleb da auch sehr viel gute Sachen. Manchmal glaube ich aber auch, dass die Leute so immer nur für ihr Umfeld und die Grossstadt Musik machen – da bist du so nahe an der Zeit. Das habe ich auch bei der Zusammenarbeit mit Graphikern gemerkt, die so nahe am Puls sind, dass ich nach vier Wochen aber das Gefühl hatte, dass das Bild schon wieder out ist. Dieses Problem habe ich in Erfurt nicht. Ich versuche dort eher was Filmisches zu gestalten, auch in der Musik, dass das nicht so datiert und der Song auch in einem Jahr noch geil ist.

Wie gefällt es dir bei uns in der Schweiz?
Ich habe hier schon wilde Parties erlebt. ich kann mich nur an die meisten Sachen und Clubs nicht mehr so doll erinnern (lacht). Wir waren in Zürich im Kaufleuten, und dann sind wir noch in irgendeiner Bar gelandet. Der Barbesitzer hatte eine CD von uns – und sagte: «Kommt alle rein, wir schmeissen jetzt hier eine Riesenparty» dann hat er uns einen ausgegeben. Und in den freien Tagen bin ich hier auch mal spazieren gewesen, wundervoll mit dem See.

Wie ich hörte, bleibst du nach dem heutigen Interviewtag noch ein paar Tage in Zürich um zu relaxen. Was hast du vor?
Ich werde wohl spazieren gehen und was Gutes essen, ich bin nicht so der Shoppingtyp.

Na dann viel Spass – und danke für das Gespräch! Wir freuen uns auf das Clueso-Konzert am 31. Januar 2022 Im Volkshaus Zürich.

Clueso
31.01.2022 Volkshaus Zürich
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