Helene Fischer

Sie ist die erfolgreichste Sängerin Europas, sorgte 2013 mit ihrem Mega-Hit «Atemlos durch die Nacht» für die Musik-Sensation schlechthin. Nach knapp vier Jahren veröffentlicht Helene Fischer (32) nun endlich ihr neues Album. Gleich fünfmal wird sie es Ende Oktober im Zürcher Hallenstadion live präsentieren. Und im Sommer 2018 auch noch im St. Jakob-Park in Basel. Beim Interview ist Fischer nur leicht geschminkt. Sie lächelt oft, antwortet überlegt. Immer wieder streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Kaum vorstellbar, dass diese zierliche Person, die sich im Gespräch überaus charmant gibt, schon bald die grössten Stadien füllt.

Helene Fischer
Helene Fischer live

Frau Fischer, wie geht es Ihnen?
Helene Fischer: Ganz wunderbar. Ich freue mich, dass es endlich losgeht. Die letzten Monate waren sehr anstrengend. Doch jetzt ist alles gesungen und im Kasten.

Die Erwartungen an die neue CD sind riesig. Wie gehen Sie mit dem Druck um?
Ach, ich lasse mich nicht verrückt machen. Das würde auch gar nicht meinem Charakter entsprechen. Was meine Aussenwahrnehmung betrifft, war ich schon immer ziemlich entspannt. Ich konzentrierte mich lieber darauf, herauszufinden, wohin meine persönliche Reise geht. Ich hörte mir um die tausend Songs an, um die besten für die neue CD zu finden. Lieder, die mein Innerstes widerspiegeln und mich beflügeln. Das ist mir gelungen.

Sie brachen in den letzten Jahren alle Rekorde. Macht Erfolg süchtig?
Natürlich. Gerade wenn man nichts anderes hat, um sich festzuhalten. Dann klammert man sich wie wild an den Ruhm. Doch diese Verbissenheit kenne ich zum Glück nicht. Ich versuche einfach, jeden Moment zu geniessen. Ich liebe die Herausforderung, wage immer gern einen neuen Schritt. Aber ich weiss sehr wohl, dass der ganze Hype irgendwann zu Ende sein könnte. Und ich kann mir auch gut vorstellen wie es ist, wenn plötzlich keiner mehr nach dir ruft.

Was dann?
Dann würde ich einen Moment in mich gehen und tief durchatmen. Später würde ich mich neu orientieren. Zum Glück habe ich eine tolle Familie und ein Privatleben, das mich erfüllt. Dort liegt mein Grundgerüst. Meine Karriere ist mehr wie ein Zusatz. Sie bestimmt nicht meine gesamte Existenz.

Helene Fischer
Helene Fischer

Aber Sie würden es schon vermissen, nicht mehr vor 50’000 Fans auftreten zu können?
Natürlich. Und wie! Ich liebe es, das Publikum zu unterhalten. Auf der Bühne zu stehen, ist mein Schicksal, das ich mehr als dankend annehme. Ich will den Menschen Freude bereiten und ihnen was Gutes mitgeben.

Was geht einem eigentlich durch den Kopf, wenn man vor so vielen Leuten auftritt?

Wenn der Song mit einer Choreographie verbunden ist, bleibt kaum Zeit, um mich umzuschauen. Wenn ich aber alleine singe, nehme ich sehr viel wahr. Dann sehe ich hinten die Menschen, die Feuerzeuge in die Luft strecken. Oder vorne die Frau, die mich nett anlächelt. Oder den Mann mit der coolen Lederjacke… Das bekomme ich schon alles mit. Und diese direkten Verbindungen liebe ich auch sehr.

Besuchen Sie selber noch Konzerte?
O ja. Das letzte war Bon Jovi in London. Davor habe ich mir Britney Spears und Céline Dion in Las Vegas angeschaut. Und ganz viele Shows vom Cirque du Soleil. Da kam mir auch die Idee für die Zusammenarbeit für meine eigene neue Show.

Sie sagten einst, dass Sie wegen Ihres Erfolgs wohl keine neuen Freunde mehr finden würden…
Das stimmt. Weil man eben auch vorsichtiger wird, wenn alle einen zu kennen glauben. Aber keine Sorge, ich habe genügend Freunde und eine sehr grosse und entzückende Verwandtschaft. Ich weiss nicht, ob ich für mehr Menschen in meinem Leben noch Zeit und Platz hätte.

Reagieren Ihre Freunde anders auf Sie, seit Sie berühmt sind?
Die engen Freunde nicht. Aber an Familienfesten, wenn man sich länger nicht gesehen hat, nehmen sie mich manchmal schon anders wahr. Sie sehen mich als Künstlerin Helene Fischer, nicht mehr als ihre Helene, die vor ihren Augen gross geworden ist. Ich sage dann immer gleich: Hallo, ich bin doch immer noch die alte!

Helene Fischer
Helene Fischer im goldenen Kleid am Strand

Die Schattenseite des Ruhms?
Man lebt schon ein bisschen wie in einem goldenen Käfig. Für viele ist das nicht nachvollziehbar. Die denken: Hey, es ist doch toll, wenn man überall erkannt wird. Natürlich ist es das. Aber es kann eben auch anstrengend sein, wenn man unaufhörlich der Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Es gibt einen wahnsinnigen Energie-Austausch, der zwar sehr schön ist, aber am Ende des Tages kommst du nach Hause und bist oftmals einfach nur noch leer. Du musst die Batterien wieder laden.

Wie machen Sie das?
Ich versuche sehr bewusst, eine Balance zu schaffen. Ich lernte in den letzten Jahren immer besser, mir kleine Oasen zu kreieren. Ich mache Spaziergänge. Oder fahre mit dem Auto zu einem Termin, statt den Flieger zu nehmen. Im Auto bin ich allein, kann Musik hören, nachdenken, bei mir sein. Ich mache auch viel Yoga. Und: Ich koche wahnsinnig gerne.

Ihnen wird zugute geschrieben, dass Sie den Schlager sexy gemacht haben. Stolz darauf?
Nun ja, als ich den Schlager für mich entdeckte, war er schon anders. Vielleicht war er damals tatsächlich noch ein bisschen verstaubt. Die Schuhe wurde mir jedenfalls bald zu klein. Ich habe mich entwickelt, wollte in meine Shows alle anderen Dinge packen, die ich liebe: Tanz, Entertainment, Pop und Rock. Ich will mir keine Grenzen setzen und auch nicht mehr unterscheiden zwischen Schlager und Pop. Ich will einfach eine gute Show liefern.

Was macht Sie glücklich?

Ich liebe es, wenn mir jemand sagt, dass er dank eines Songs eine super Zeit auf einer Party hatte. Oder dass ihn ein anderes Lied während einer schweren Zeit Kraft gegeben hat. Glücklich macht mich, wenn es mir gelingt, mit meinen Liedern den Nerv der Zeit zu treffen und die Menschen zu berühren.

Und privat?

Wenn ich mit meinen Liebsten sein kann. Das bedeutet mir wahnsinnig viel. Früher ordnete ich alles dem Job unter, ich brannte 24 Stunden am Tag dafür. Heute bin ich besser ausbalanciert.

Was war das Verrückteste, was Sie sich in den letzten Jahren geleistet haben?
Ich bin nicht besonders materialistisch. Klar bin ich froh, dass ich heute in einem schönen Häuschen wohnen darf und mir zwischendurch auch mal eine Fernreise gönnen kann. Aber etwas richtig Verrücktes besitze ich nicht. Höchstens: Der rote «Atemlos»-Anzug mit den Glitzersteinen, der extra für mich gemacht wurde, den fand ich damals schon ziemlich “hot” (lacht).

Was stimmt Sie traurig?
Ich bin von Natur aus ein sehr optimistischer Mensch, aber ich habe auch einen Hang zur Melancholie. Aus diesem Grund liebe ich Balladen so sehr. Traurig machen mich die vielen Tragödien, die zurzeit auf der Welt passieren. Diese Terror-Anschläge beispielsweise sind wie eine ansteckende Krankheit. Ich bin manchmal fast nicht mehr gewillt darüber zu lesen. Man wird mit den Jahren vielleicht auch sensibler.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Das mag jetzt etwas abgedroschen tönen, aber ich versuche schon immer, das Maximum an Glück aus jedem Moment herauszuholen. Darum geht es doch im Leben. Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, wenn ich andere sehe, wie sie in ihrer Griesgrämigkeit versauern. Das Leben ist doch viel zu kurz und viel zu schön dafür.

Wo sind Sie mit 60?
Ich hoffe, dass ich bis dann alles mitgenommen habe, was geht. Wenn ich meinen Vater sehe, wie fit er noch ist, werde ich wohl in diesem Alter ebenfalls noch am Trapez hängen (lacht). Ich hoffe, dass sich das Rad für mich auch mit 60 noch dreht. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch seine Aufgabe hat. Niemand ist umsonst auf der Welt. Wenn ich sehe, was mir die letzten Jahre alles passiert ist, freue ich mich geradezu aufs Älterwerden. Das Leben fühlt sich immer besser an. Man wird entspannter, auch vielschichtiger, ist mehr bei sich selbst. Diese Klarheit erhält man erst mit den Jahren.

Dieses Interview erschien zuerst im SonntagsBlick. 

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