Der Konzertveranstalter und Gründer von dem Rock am Ring Festival - Marek Lieberberg - steht am 07. Juni 2014 auf der Centerstage und verabschiedet sich vor den Fans von dem Nürburgring. [ Rechtehinweis: picture alliance ]

Marek Lieberberg (70) ist seit Ende der Sechzigerjahre im Entertainment-Geschäft und einer der weltweit erfolgreichsten Veranstalter.  Seit Anfang des Jahres arbeitet er für den Weltgiganten Live Nation. Wir trafen ihn bei einem Besuch in der Schweiz, wo Live Nation seit einem Jahr ebenfalls aktiv ist: Zuletzt mit den Konzerten von Rihanna, Beyoncé und Coldplay – und bald mit Stars wie Depeche Mode und Sting.

Marek Lieberberg, seit fast fünf Jahrzehnten sind Sie einer der erfolgreichsten Konzertveranstalter. Das ist kein einfaches Business. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis!

Marek Lieberberg: Ein Veranstalter muss Empathie, Erfahrung und Risiko in Einklang bringen.

War das früher einfacher?

Heute ist die Situation völlig anders. Damals gab es überhaupt keine Strukturen – jetzt ist das ein globales, internationales Business, Teil eines komplexen Netzwerks. Andererseits ist für einen jungen Veranstalter oder jemanden, der in das Musikgeschäft drängt, jede Adresse, jeder Ansprechpartner verfügbar. Es gibt eine ungeheure Transparenz. Man kann jeden Manager direkt kontaktieren und mit Vorschlägen direkt konfrontieren.  Früher musste man erst persönliche Beziehungen aufbauen, herausfinden wer die Entscheider sind und wie man an sie herankommt. Bis man schliesslich in London zitternd dem Who-Manager Peter Rudge vorgaukelte, warum es kein Wagnis sei, mit einem jungen, ambitionierten Musikmanager ohne Kompetenz auf Tour zu gehen.

… und wie haben Sie das dann 1970 geschafft?

Mit Enthusiasmus und Überzeugungsfähigkeit. Ich denke, dass ich Leidenschaft und gleichzeitig Bodenhaftung suggeriert habe, es war ein Mix aus Wahnsinn und genialen Plan. Ich hatte die Fähigkeit, Künstler aus dem Nichts heraus zu überzeugen. Die ersten erfolgreichen Konzerte wurden dann zu einem Leistungsausweis.

Gab es auch Rückschläge?

Es war ein langer beschwerlicher Weg mit vielen Höhen und Tiefen. Frank Sinatra war Mitte der Siebziger der erste, schwere Prüfstein. Wir kämpften mit den Ressentiments der Medien und Widerständen gegen hohe, aber nicht ungerechtfertigte Ticketpreise. Das Resultat: schwerste Verluste, die uns fast den Knock-Out versetzten.  Mit den Europatourneen von Leonard Cohen, Cat Stevens, Deep Purple und Pink Floyd änderte sich die Situation schlagartig zu unseren Gunsten. In meinen bald 48 Jahren als Veranstalter habe ich schon einige Krisen erlebt. Doch bin ich stolz darauf, dass es nie zu einem Kollaps kam, sondern sich zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte entwickelte. Bis 1986 kooperierte ich mit meinem damaligen Geschäftspartner Marcel Avram – von dem ich mich dann aus persönlichen Gründen trennte – und anschließend der Quantensprung mit der Marek Lieberberg Konzertagentur, die über Jahrzehnte hinweg weltweit mit überragenden Ergebnissen agierte.

Könnte ein man heute in diesem Business noch immer auf ihre Art erfolgreich sein?

Wir leben heute in einer ganz anderen Zeit – die Popmusik und das sich parallel dazu entwickelnde Tourneegeschäft lernten Ende der 60er / Anfang der 70er laufen. Es war Learning by Doing. Und wir haben uns das Knowhow angeeignet, während wir das Business neu erschufen. Früher ließ sich die Zugkraft einer Gruppe ziemlich präzise durch ihre Plattenverkäufe abschätzen. Heute gelten andere Gradmesser. Verkaufszahlen haben nur noch eine bedingte Bedeutung. Popularität misst sich nach Klickzahlen und Social-Media-Aktivitäten. Heute gibt es Kompetenzen und Spezialisten in allen Bereichen. Damals habe ich noch das Meiste selbst gemacht:  Plakate geklebt, Eintrittskarten verkauft, Anlagen aufgebaut und bin mit meinem kleinen VW vor dem Truck der Band hergefahren, um sicherzugehen, dass die nächste Tourneestadt erreicht wird.

Ist das Veranstalterbusiness heute nicht mehr interessant?

Für junge Promoter gibt es Nischen, in denen man nach wie vor viel erreichen kann. Festivals und Künstler, die sich unter dem Radar der großen Konglomerate bewegen. Die Technologie ermöglicht den Künstlern, ihre Musik selbst zu verbreiten. So besteht ein riesiges Entwicklungsfeld für kreative und inspirierte Menschen.

Profitieren Live-Veranstalter wie Sie von den sinkenden Plattenverkäufen – weil die Stars jetzt lieber auf Tournee gehen?

Die Plattenindustrie hatte nicht das Glück, ihre Geschäfte mit Barrieren sichern zu können. Leider wurden viele Chancen versäumt. Man war sich uneinig, und die gewohnten Strukturen zerbrachen. Die Dämme gegen kostenlosen Musiktransfer erwiesen sich als wirkungslos. Das erfordert aus Seiten der Künstler nun mehr Alternativen.

Die Stars müssen Ihr Geld also wieder auf der Bühne verdienen – das ist doch vorteilhaft für Sie?

Die Künstler firmieren das gerne als «Escape from the Studio». Aber das Livegeschäft kann nur dann erfolgreich sein, wenn es sich an der tatsächlichen Popularität, der Nachfrage orientiert. Deshalb gibt es für Live-Auftritte ein natürliches Limit. Wichtig ist es, dass Kreativität und Integrität nicht in Frage gestellt werden. Es gibt nicht viele Künstler wie beispielsweise Sting, der sich immer wieder neu erfindet.

Seit 2015 ist Live Nation in der Schweiz aktiv.  Wie schätzen Sie die Marktchancen ein?

Die Schweiz ist ein hochentwickeltes Land mit einer sehr vielfältigen Kultur, musikinteressierten Menschen und einer hervorragenden Infrastruktur. Zu guten Spielstätten kommen bald weiteren Locations hinzu, zum Beispiel die Samsung Hall in Dübendorf. Das ist spannend und erhöht das Potenzial.

Was hat Live Nation in der Schweiz vor?

Bisher sind unsere herausragenden, internationalen Künstler in der Schweiz durch Dritte vermarktet worden.  Jetzt nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand. Live Nation-Stars wie U2, Depeche Mode, Kanye West, Sting, Madonna, One Republic oder Coldplay vermarkten wir nun selbst. Wir bauen hier sukzessive und in einer sehr transparenten Art unser eigenes Geschäft auf.

Sind Sie bisher zufrieden?

Ja, als Coldplay im Juni zweimal im Letzigrund spielten, durften wir uns über 90’000 Besucher freuen. Auch die Ergebnisse von Beyoncé und Rihanna waren beachtlich. Wir operieren in der Schweiz mit einer kleinen, aber äußerst kompetenten Unit unter Führung von Ralph Schuler, die schon extrem erfolgreich ist.

Welche Künstler bringen Sie demnächst in die Schweiz?

Depeche Mode kommen ins Letzigrund. Weiterhin präsentieren wir attraktive Künstler wie beispielsweise System Of A Down, Sting oder Patricia Kaas. Bisher konzentrieren wir uns weitgehend auf grosse Namen, doch wie in Deutschland und Österreich haben wir natürlich die Talentförderung im Fokus.

Sie sehen sich auch in der Pflicht, den Nachwuchs zu fördern?

Junge Künstler aufzubauen, ist in unserer DNA. Damit gewinnen wir die Zukunft. Gerne erinnere ich mich an das erste U2-Konzert in den Achtzigerjahren, bei dem nur 80 Fans in die Hamburger Fabrik kamen. Wenige Jahre später verkaufte die Band Stadien aus.

Welche Musik hören Sie selbst am liebsten? Wer ist Ihr persönlicher Lieblingsstar?

Ich weiss, dass man dieses Geschäft nur betreiben kann, wenn man sich einen intellektuellen Ausgleich schafft. Diesen bieten mir die Literatur, das Theater, die klassische Musik aber auch der Sport – ich schwimme, jogge und spiele Tennis. Nur so lässt sich ein Leben auf der Überholspur führen.

Im Mai sind Sie 70 geworden – denken Sie ans Kürzertreten?

Denken schon, aber praktisch ist das Gegenteil der Fall! Der Anspruch ist heute enorm gestiegen – diese permanente Verfügbarkeit, die Fragmentierung der Nachrichten über E-Mail. Es ist ein Fluch der Zeit, dass die Leute nicht mehr lernen, in Zusammenhängen zu denken.

Nutzen Sie Social Media?

Geschäftlich natürlich. Aber privat ist meine Devise, dass man mich weder auf Facebook finden noch mir auf Twitter folgen kann. Selbstdarstellung ist die Raison d‘etre der Branche, aber ich muss das ja nicht mehr tun.

Zur Person

Marek Lieberberg (geboren 1946 in Frankfurt am Main) steht in jungen Jahren selbst als Musiker auf der Bühne: Als Sänger der Beat-Band Rangers tritt er im legendären Star Club in Hamburg und im Vorprogramm von Fats Domino auf.

Nach einem abgebrochenen Soziologie-Studium wird er Journalist bei der Agentur AP – schreibt dann auch Pressetexte und Programmhefte und wächst so immer mehr in die gerade erst entstehende Veranstalterszene hinein.

1970 gründet er mit Marcel Avram die Agentur Mama Concerts und organisiert Konzerte von The Who, Deep Purple und Pink Floyd. 1986 trennt er sich von Avram und organisiert mit seiner Firma MLK (Marek Lieberberg Konzertagentur) Tourneen zahlreicher Bands und Stars: Von Aerosmith über Bruce Springsteen, U2, Dire Straits, Céline Dion und viele mehr.

Später verkauft Marek Lieberberg sein Unternehmen an CTS Eventim. Seit Anfang 2016 ist er als CEO für Live Nation Germany tätig. Live Nation, das weltweit grösste Unternehmen im Live-Entertainment-Bereich (7,2 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2015, jährlich über 23’000 Shows) hat Superstars wie U2, Sting, Madonna, Coldplay und Depeche Mode exklusiv unter Vertrag. Seit 2015 ist Live Nation auch in der Schweiz aktiv.

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