«Das Blöde und Böse in der Welt braucht keine Streicheleinheit, sondern eine Pointe genau zwischen die Augen», sagt Michael Mittermeier zu seinem neuen Programm «Lucky Punch – die Todeswuchtel schlägt zurück», mit dem er jetzt in die Schweiz kommt. Wir sprachen mit dem deutschen Comedy-Star – auch über ernste Themen.

event.: Michael, wie entwickelst du deine Pointen?
Michael Mittermeier: Ich entdecke die Themen in den Medien oder erlebe etwas in der U-Bahn. Ich mag es, die Welten aufeinanderprallen zu lassen. Wir leben in einer schrägen Welt: Einerseits sind wir sehr nostalgisch, aber viele wollen zurück zu Traditionen.

Wie merkst du dir die Pointen?
Ich habe immer ein Notizbuch dabei (zeigt auf das Buch). Ich habe noch nie so kurz vorher angefangen ein Programm zu schreiben wie diesmal. Es war eigentlich erst kurz vor der ersten Aufführung.

Funktionieren immer alle deine Pointen?
Es gibt manchmal Pointen, die nicht funktionieren. Aber ich sage immer: Mich kriegt niemand von der Bühne, ohne dass ich einen Lacher habe. Aber es kann nicht immer alles funktionieren. Gestern habe ich ein Fernsehspecial für die ARD aufgenommen. Das war ein dreiviertelstündiger Auftritt mit lauter Nummern aus den vergangenen zwei Jahren, die bisher nie auf einer DVD erschienen sind. Ich habe einfach mal gespielt – und gemerkt, da gibt es auch Stille in gewissen Momenten. Insgesamt aber hatten die Leute Spass.

Du trittst auch in den USA auf – profitierst du dort als Deutscher von einem «Exotenbonus»?
Oh nein, im Comedy Cellar von New York gibt es keinen Exotenbonus. In den USA existiert nur ein einziges Kriterium: Lustig oder nicht lustig. Es gibt so etwas wie einen «Comedy-Darwinismus», es ist da viel härter als in Deutschland oder in der Schweiz. Solche Zwischenkriterien wie bei uns gibt es da nicht, wie «ist es politisch?» oder «hat es einen gesellschaftlichen Sinn?» – das interessiert dort keine Sau.

Solche Zwischenkriterien wie bei uns gibt es da nicht, wie «ist es politisch?» oder «hat es einen gesellschaftlichen Sinn?» – das interessiert dort keine Sau.

Gibt es weitere Unterschiede?
Man setzt die Pointen anders. Ich stehe in den USA als anderer Typ auf der Bühne. Zwar verändere ich mich nicht, aber ich bin dort ein Deutscher in Amerika – und das ist anders als daheim. Ich stehe also dort, und die haben noch nie einen lustigen Deutschen gesehen. Ist doch logisch, dass ich mit dem Klischee spiele! Das mache ich in den USA, aber auch, wenn ich – wie neulich – in Litauen oder in der Schweiz spiele.

Offenbar weht im Ausland comedymässig ein härterer Wind. Müssten wir die Latte bei uns auch höher hängen?
Bei uns kommt man wahnsinnig leicht nach oben, und man sieht Comedians, bei denen man denkt, hätte man diese Typen doch einfach mal spielen lassen, bevor sie auf die grosse Bühne gehen. Die werden mit zwei Witzen berühmt und spielen dann zehn Jahre dasselbe, zerstören sich auf diese Weise selber. Aber es gibt auch wieder andere wie die Schweizerin Hazel Brugger oder den Schweizer Alain Frei. Ihn habe ich schon vor Jahren das erste Mal gesehen – und mir gedacht: Der hat eine gute Ausstrahlung. Alain Frei hat die Herausforderung angenommen und Hunderte von Open Mics durchgespielt. Jetzt steht er völlig anders auf der Bühne – als richtig guter Stand-up-Comedian. Auch Hazel Brugger hat alles richtig gemacht. Es ist nicht leicht, von Poetry Slam zu Comedy zu wechseln. Es braucht schon die richtige Einstellung, zu spielen und dabei nicht allen Blödsinn mitzumachen.

Darf Comedy eigentlich wirklich alles? Auch in den Zeiten von Political Correctness und der #metoo-Bewegung?
Ja natürlich, warum nicht? Gib mir einen Grund, warum man über eine Sache keinen Witz machen dürfte? Wie kann eine Pointe oder ein Witz schlimmer sein als das Original? Satire richtet immer ein Spotlight auf etwas Absurdes. Die Frage ist immer: Was ist dein Approach, deine Absicht? Warum machst du die Pointe? Willst du jemandem weh tun? Bist du eher reaktionär drauf?

Die Frage ist immer: Was ist dein Approach, deine Absicht? Warum machst du die Pointe? Willst du jemandem weh tun? Bist du eher reaktionär drauf?

In einem Dokumentarfilm, den ich über Humor gemacht habe, fragte ich einen jüdischen Comedian, ob ich über den Holocaust Witze machen kann. Er meinte: «Klar! Er muss nur sehr lustig sein.» Aber es kommt immer auch der Approach dazu. Es gibt kein Thema, das nicht geht, wieso sollten wir ein Thema ausklammern? Würde man ein Thema ausklammern, wäre dies Zensur. Und nämlich eine Eigenzensur. Was soll das denn? Man kann Humor nicht aufhalten, er ist wie Wasser und geht überall durch.

Comedian zu sein ist offenbar nicht immer spassig und einfach.
Angelina Jolie sagte zu mir: «It’s the hardest job!» Es ist die härteste Kunstform, aber auch die fairste. Als ich damals den Bono von U2 kennengelernt habe, sagte er, Comedy sei «pure art», die reinste Form der Kunst. Ich sage dann immer: «Ja, Bono, was du machst ist aber auch ganz gut!».

Hast du schon einmal Morddrohungen erhalten?
Ich weiss nicht, ob man das als Morddrohung bezeichnen kann, aber es gibt Beschimpfungen wie: «Hey, komm mal nach Dresden, wir werden dich verprügeln!» Als wir damals dieses Konzert für die Helfer von Flüchtlingen gemacht haben, hiess es: «Verschwinde aus dem Land, du Volksverräter! Ich hoffe, deine Tochter wird von Flüchtlingen vergewaltigt! – und dann wirst du schon wissen, wie es ist!»

Hattest du noch nie Angst deswegen?
Nein, du darfst so etwas einfach nicht in dein Herz lassen! Ich habe die Kommentare alle gelesen, Tausende, jeden einzelnen, denn ich wollte den Mechanismus erkennen. Aber die meisten meiner Kollegen lesen so etwas nicht –und das ist auch gut so. Du musst da nach zwei Tagen wieder aussteigen, sonst wird dein Herz schwarz.

Wechseln wir nun das Thema. Es ist immer interessant, wenn ein Comedian seine eigene Stimme findet. Wann war das bei dir so weit?
Naja, «Zapped» war das Findungsprogramm. Ab 92, als der «Quatsch Comedy Club» in Hamburg startete, war das holzig, ich habe da viel ausprobiert. Ich habe ganze Raumschiff-Enterprise-Nächte gemacht in Berlin. Ich hatte einen Spock-Dress und habe einfach über Enterprise gesprochen: Da habe ich gemerkt, da war ich daheim. In Werbung, MTV und Popkultur. Ganz viele Leute aus der Comedyszene hatten mir davon abgeraten, aber ich habe gesagt: «That’s me – ich kenn mich damit besser aus als alle anderen!» «Zapped» war das Programm. Da war ich komplett bei mir. Da war ich sauer aufs Fernsehen, da habe ich mir gesagt: «Ich geh jetzt auf die Bühne und werde euch alle wegblasen.» Ich sagte zu meiner Frau: «Gudrun, ich setz mich jetzt hin und schreibe ein Programm, ich werde sie fertigmachen!»

Du bist nun schon fast dreissig Jahre erfolgreich michael-mittermeier-02unterwegs. Wird es mit der Zeit schwieriger oder einfacher? Fallen dir vielleicht irgendwann keine Wuchteln mehr ein – oder kriegt man mit den Jahren Routine?
Es wird eher mehr. Ich habe gedacht, jetzt mach ich mal ein knackiges neunzigminütiges Programm, doch es waren in der ersten Version schon über zwei Stunden. Ich habe dann viele Nummern rausgeschmissen, die funktioniert haben, aber es sind immer noch zwei Stunden.

Ist es bei dir wie bei Prince, dass nach deinem Ableben ganz viel unveröffentlichtes Material erscheinen wird?
Nein, bei den unveröffentlichten sind ja meistens die schlechten Witze dabei. Es ist so, wenn du dich einmal angezapft hast, hört es nicht auf. Ich habe die Latte sehr hoch gehängt. Schon nach «Blackout (Programm von 2010, Anm. der Red.) habe ich gesagt, es kann nicht mehr besser werden, dann kam «WILD» (2016) … und jetzt ist das «Lucky Punch», ich seh’s ja an den Leuten, es ist ein Vorschlaghammer! Und so lange du gute Programme machst, kommen Menschen zu dir.

Michael Mittermeier
10.10 .2018 – 09.02.2019, Amriswil, Basel, Zürich, Bern, Sursee
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