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«Neon» heisst das vierte Studioalbum des irischen Sängers Rea Garvey. Im gemütlichen Gespräch mit event. verrät der Sänger und Talentcoach, warum er für seine neue CD auf eine lange Reise gehen musste, was er ander Schweiz liebt – und weshalb er trotz sieben Schwestern die Frauen immer noch nicht versteht. 

Er ist gross, stark und hat einen festen Händedruck wie ein Grizzly. Doch der Bär ist entspannt, obwohl der Ire gerade auf Promotionstournee ist. Trotzdem strahlt er eine wohltuende Ruhe aus. Wie jemand, der eine unendlich lange Reise unternommen hat und jetzt ganz bei sich angekommen ist. Reisen ist das Rezept des Singer/Songwriters: «Ich musste reisen, um auf eine Reise zu kommen. Raus aus der Komfortzone, die ist eine Gefahr für jeden Musiker. Deshalb habe ich mich auch dieses Mal wieder aufgemacht zu etwas Neuem, um weitermachen zu können.» Garvey jettet in die USA, nach Schweden, London und Island: «Es ist zwar unglaublich schön da, aber ich habe mich gefragt: Hey, was machst du denn hier? So weit von zu Hause entfernt? Mein Kopf sagte mir, ich solle zurück nach Berlin.»

 

«Es ist zwar unglaublich schön da, aber ich habe mich gefragt: Hey, was machst du denn hier? So weit von zu Hause entfernt? Mein Kopf sagte mir, ich solle zurück nach Berlin.»
Von diesem Gefühl lässt er sich leiten, landet in Berlin. Dort, in der deutschen Metropole, erlebt er den Schlüsselmoment zum neuen Album «Neon». Es hat Klick gemacht, an der Seite von Hip-Hop-Produzent Abas. Ins Rap-Genre abzutauchen – zwar ein absurder Gedanke für den Rockmusiker – doch er lässt es zu. «Dann haben wir das erste Lied zusammen geschrieben. Da war dieser Klang, diese Beziehung, es ging voller Wucht Richtung Hip-Hop. Ich liebe das!» Bei «Is it Love?» steuert Abas den Grundstein zum Track. Garvey macht alleine weiter – und zack, dreissig Sekunden später hat er den Song. «Es war ein toller Austausch», erinnert sich Garvey.

 

So entsteht Stück für Stück «Neon», sein neues Baby, das vierte Studioalbum. Dass er ein gutes Händchen hat für Chart-taugliche Erfolge hat er schon in der Vergangenheit bewiesen: Auf seinen drei Solo-CDs befinden sich viele Hits, die sich mehr als eine Million Mal verkauft haben. Schöne Erfolge für sein Palmares. Überhaupt für einen irischen Jungen, der in einfachen Verhältnissen aufwächst und sich für die Karriere in Deutschland niederlässt.

Knallige Farben für das passende Lebensgefühl

Eine grelle Farbe als Albumtitel? «Für mich ist Neon in erster Linie ein positives Wort. Ursprünglich wollte ich es «Blacklight» nennen, unter dem Ultraviolett-Licht sieht man Dinge, die das nackte Auge nicht wahrnimmt. Mir ging es eben darum, eine andere Perspektive zu schaffen.» Als er seiner Tochter (5 Jahre) davon erzählt, findet sie, das Album müsse «Neon» heissen: «Ich fand den Namen sofort gut, die Bedeutung ist die gleiche.» «Neon» erinnert ihn an die wilden 80er-Jahre, an Disco und grell-fröhliche Farben: «Mit dem Titel Farbe zu schaffen, das gefällt mir!» Wenn Rea Garvey lacht, bilden sich feine Lachfalten um seine Augen. Und er lacht viel und gerne. Er sprüht vor Energie, von Müdigkeit keine Spur.

 

5020_14672Dabei reiste er kürzlich für die Fernsehshow «Sing meinen Song» mit Koffer, Gitarre und Familie nach Südafrika: «Ich wusste, es wird intensiv, das Programm von «Sing meinen Song.» Doch ich wollte das unbedingt erleben!» Auf Einladung von Musiker-Kollege Mark Forster trifft er sich dort mit Judith Holofernes, Johannes Strate, Marian Gold und Mary Roos am Lagerfeuer. Seine Mission: einen Song für Vox neu zu interpretieren. Für ihn eine neue Erfahrung. Aus dem Grand-Prix-d’Eurovision-Lied «Aufrecht geh’n» (1984) von Schlagerlegende Mary Roos (69) kreiert Garvey sein eigenes Werk. Damit trifft er ins Schwarze: Bei Mary Roos brechen die Dämme, Tränen kullern: «Es war wie ein Zusammentreffen von Freunden. Als ich dann meinen Song performte, war es einfach nur wow», erinnert sich Garvey. Das Musikertreffen schmeckt auch dem Fernsehpublikum.

 

Nächstes Jahr ist eine weitere Staffel geplant, meldet der Sender. Mit dem sympathischen Iren? Das ist nicht bekannt. Das wäre ein Jackpot, gehört «Sing meinen Song» doch zu den beliebtesten und erfolgreichsten Musiksendungen in der deutschsprachigen Fernsehwelt. Das Format gibt es, in wechselnder Konstellation, seit 2014. Nicht schlecht, im schnelllebigen TV-Zeitalter, indem ein neues Format schon nach einem Quotentief aus dem Programm fliegt. Bei «The Voice of Germany» war er auch schon mehrmals im Juroren-Sessel. Bei «Sing meinen Song» hat Garvey auf jeden Fall Gefallen daran gefunden, diverse Genres auszuloten, damit zu spielen. Aber es gibt auch Grenzen: «Ja, es gibt ein paar Ecken im Jazz oder Dark Metal, die mich nicht ansprechen. Ohne Melodie bin ich etwas verloren. Jazz ist eine wunderbare Art von Musik, es ist kein Wettbewerb.»

Bald Schweizer«The Voice» mit Garvey?

Apropos Wettbewerbe, nach «Sing meinen Song», könnte er sich vorstellen, wieder bei «The Voice of Germany» auf dem Jurorensessel Platz zu nehmen? Oder ist die Zeit von Castingshows vorbei? «Nein, ‹The Voice› sei keine Show, sondern eher eine Erfahrung. Die Talente müssen brennen für das was sie tun, so wie Max Giesinger.» Die Sendung sei eine gute Plattform, aber kein Garant für Erfolg: «Was du daraus machst, das liegt bei dir. Der Durchbruch wird dir nicht geliefert, du musst aufstehen und dir das holen.»

«Was du daraus machst, das liegt bei dir. Der Durchbruch wird dir nicht geliefert, du musst aufstehen und dir das holen.»

Generell steht er solchen Formaten kritisch gegenüber, oft seien diese ein Missbrauch der Musik und der Menschen. «The Voice» sei eine faire Alternative. Eine, die er gerne in die Schweiz bringen würde. «Ich bin ein grosser Schweiz-Fan. Hier ist alles so wunderschön. Wenn du durch die Schweiz fährst, siehst du die Macht der Natur. Und die Schweizer machen das nicht kaputt. Ihr lebt in der Natur und schätzt die Natur.»

Reiseziel: Das persönliche Glück

Vielleicht kann er schon bald erste Talente suchen, wenn er am2. Oktober live in der Halle 622 in Zürich-Oerlikon spielt? Wer weiss. Bis dahin geniesst er das Glücksgefühl, mit «Neon» sein Bestes gegeben zu haben: «Ich fühle mich momentan ganz oben auf der Welle. Manchmal dauert es zwei oder drei Jahre, bis man wieder so weit ist. Dazwischen weint und schwitzt man, ist es kaum auszuhalten», erzählt Garvey in seinem charmant deutsch-irischen Kauderwelsch und spielt derweil an seinem Ehering. Garvey ist verheiratet, Vater einer Tochter und mit sieben Schwestern aufgewachsen.

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Er ist von Frauen umzingelt. Weiss er denn, wie Frauen ticken? «In dem Moment, wo ich das behaupte, wäre ich ein totaler Verlierer. Jede Frau ist anders, man darf nicht generalisieren. Ich habe einfach gelernt, offen zu sein.» Mehrere Freundinnen haben den Weg des Sängers gekreuzt, bevor er sich in seine jetzige Frau Josephine verliebte: «Sie war diejenige, die ich gesucht habe. Es war ein langer Weg, aber ein schöner», sagt er und lächelt verschmitzt. Seine Augen lächeln mit und sagen alles. Rea Garvey ist auf seiner persönlichen und musikalischen Reise angekommen. Man hört und merkt es.

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