Beklagen kann sich Rita Ora (28) nicht. Seit mehr als einem Jahr reiht sie Hit an Hit. In einem kleinen, gemütlichen Hotel in London unterhielten wir uns über ihre neuen Songs, ihre Entschlossenheit und ihren Ehrgeiz – aber auch über das Chaos in ihrer Wohnung und das richtige Verhalten bei One-Night-Stands.

Ora: «Zu Hause liegt bei mir alles rum»

event.: Rita, du spielst in allen drei Teilen der Soft-Sadomaso-Reihe «Fifty Shades of Grey» mit und bist vor den Augen von Papst Franziskus bei der Heiligsprechung von Mutter Teresa aufgetreten. Wie geht das bitte schön zusammen?
Rita Ora: Super geht das zusammen (lacht)! Ehrlich gesagt, denke ich nicht, dass der Papst die «Fifty Shades»-Filme kennt – aber das bin alles ich, das ist alles Rita.

Hast du mit dem Papst geplaudert?
Nein, nein. Ich war einfach nur dort an der Feier im Vatikan und sang «What Child Is This». Mutter Teresa stammt wie ich aus dem Kosovo, das ist unsere Gemeinsamkeit. Ich bin wirklich sehr stolz und sehr glücklich darüber, was ich alles machen kann. Aber noch viel ergriffener war meine Mutter, du hättest sie mal sehen sollen (winkt ihrer Mutter, die ebenfalls im Raum sitzt und heftig nickt).

Du bist echt ein Familienmensch, oder?
Total. Meine Schwester sitzt auch da (winkt nochmals herüber).

Hat deine Familie deine künstlerischen Ambitionen immer unterstützt?
Voll und ganz. Unsere Mutter hat uns von klein auf ermuntert, uns kreativ auszuprobieren. Sie hat mir geraten, zum Schulchor zu gehen und zur Musikschule. Später hat sie mich auch unterstützt, als ich mich bei der Sylvia Young Theatre School bewarb.

Im Song «Soul Survivor» singst du: «I started with nothing – I’ve got nothing to lose», auf Deutsch «Ich hatte nichts, also habe ich auch nichts zu verlieren». Wart ihr arm?
Arm nicht, aber wir waren erst recht nicht reich. Wir waren Einwanderer. Wir alle haben für unser neues Leben in Grossbritannien alles gegeben, ich habe mich wirklich extrem angestrengt. Aber wenn du mir jetzt alles wegnehmen würdest, wäre ich immer noch Rita. Es würde mich nicht kaputtmachen.

Du warst ein Jahr alt, als deine Familie wegen des jugoslawischen Bürgerkriegs aus dem Kosovo floh und sich in London niederliess. Was geht dir durch den Kopf, wenn du ans Schicksal von Flüchtlingen denkst?
Mitgefühl. Ich möchte diesen Menschen Zuversicht geben. Ich denke, ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Flucht ein gelungenes neues Leben entstehen kann. Dass Integration funktioniert. Dass Migration positiv und bereichernd ist. Ich arbeite viel und gerne mit Unicef zusammen, um Flüchtlinge zu unterstützen.

«Wir leben in einer Welt, in der sich die Leute schnell langweilen. Deshalb musst du ihnen permanent neue Inhalte liefern.»

Hast du in London Fremdenfeindlichkeit erlebt?
Nein. Klar, am Anfang in der Schule wirst du natürlich gefragt: «Wo kommst du her? Kosovo? Wo soll denn das sein?» Aber die Leute waren alle neugierig und nicht abweisend. Ich hatte auch das Glück, dass meine Klasse sehr gemischt
war, voll verschiedener Hautfarben, Rassen, Religionen und Nationalitäten. Es ging bei uns sehr bunt zu, und so bin ich aufgewachsen. London ist sowieso ein sehr multikultureller, offener Ort, an dem Rassismus keine Chance hat.

Seit deinem ersten Album sind sechs Jahre vergangen. Im Pop ist das eine Ewigkeit.
Ich weiss. Aber ich hatte ja keine andere Wahl. Es gibt Zeiten, da klebt dir einfach die Scheisse am Fuss.

Du hattest dich mit deinem ehemaligen Plattenfirmenboss und einstigen Förderer Jay-Z überworfen, und die schon fertigen Songs, die du mit deinem damaligen Freund Calvin Harris aufgenommen hattest, durftest du nach eurer Trennung nicht mehr veröffentlichen.
So war das, ja. Ich habe wirklich viel Mist erlebt, man kann es nicht anders sagen. Aber es ist ja klar: Entweder bricht dich so etwas, oder es spornt dich an.

Dich haben die Rückschläge angespornt?
Auch nicht immer. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich «Soul Survivor» schrieb, zusammen mit einer Freundin. Wir beide waren an einem Punkt im Leben, an dem wir dachten: «Verdammt, ich bin kurz davor, alles hinzuschmeissen.» Und dann habe ich mich aufgerafft und gekämpft. Ich hatte lange Zeit Angst, meine Lieder könnten nicht gut genug sein, ich war immer ein bisschen nervös. Diese Unsicherheiten habe ich abgelegt. Das Leben hat mir so viel Stoff präsentiert, dass ich überhaupt keine Probleme hatte, den ganzen Scheiss, aber auch die vielen tollen Momente, zu Songs zu verarbeiten.

Während du keine Musik veröffentlichen konntest, warst du trotzdem ständig präsent, hast bei «The Voice UK» in der Jury gesessen, Shows wie die MTV-Awards moderiert, bei «Fifty Shades» mitgespielt und vieles mehr.
Ja, ich war immer irgendwie da. Den Superplan für die Karriere hatte ich allerdings nicht, da kam eins zum anderen und es war auch viel Zufall dabei. Aber du musst die Chancen eben auch ergreifen, wenn du sie bekommst. Ich habe verdammt hart gearbeitet. Mein Vorbild ist Jennifer Lopez. Bei ihr ist es vollkommen logisch, dass sie sehr unterschiedliche Sachen macht, Filme, Musik, Düfte, Fashion und eine Menge mehr. Sie ist ein «Warum nicht?» – Mensch. So sehe ich mich auch. Lieber auch mal scheitern, als nie etwas zu wagen.»

Wie hoch ist der Druck?
Hoch. Du musst emsig, zügig und flexibel sein. Wir leben in einer Welt, in der sich die Leute schnell langweilen. Es gibt so viel, was du dir auf Instagram, auf Twitter oder wo auch immer anschauen kannst. Deshalb musst du permanent Inhalte liefern, die sich den Leuten einbrennen, Fotos, Musik, alles Mögliche.

Bist du insgesamt eine Perfektionistin?
Ein bisschen schon, ja. Mit einer Ausnahme: Ich bin schrecklich unordentlich. Zu Hause liegt bei mir alles rum. Unmöglich, da einfach jemandem mitzunehmen, ohne vorher gründlich aufgeräumt zu haben.

In welchem Zimmer ist das Chaos besonders schlimm?
In allen. Nein, im Schlafzimmer. Es sieht furchtbar aus. Überall liegen Klamotten rum. Ich kann den Boden kaum noch sehen. Na ja, man kann wohl nicht in allem gut sein. Oh, habe ich mich soeben selbst gelobt?

Hast du!
Sorry. Ja, Ordnung halten ist irgendwie nichts für mich. Erst wenn ich nicht mehr weiss, wie ich von der Tür ins Bett kommen soll, räume ich ein bisschen auf.

Deine Stimme, jetzt so beim Sprechen, klingt übrigens echt erwachsen. So tief.
Tief im Sinne von männlich?

Männlich nicht. Aber tief.
Cool (lacht). Das finde ich gut. Das gefällt mir. Ich finde auch, dass ich viel besser und ausdrucksstärker singe als früher. Mit mehr Charakter. Ich denke, ich habe endlich meinen Platz in der Musik und überhaupt in der Welt gefunden. Einen Song wie «Falling to Pieces», so jazzig und soulig, hätte ich mir vor einigen Jahren noch nicht zugetraut.

«Ich habe Freundinnen, die machen noch viel krassere Sachen.»

Nach der Trennung von deinem Musiker-Boyfriend Andrew Watt bist du aktuell Single. Bist du gut darin, in der Liebe Kämpfe auszufechten?
Ich weiss nicht, ich hoffe eigentlich nicht. Ich will gar nicht gut darin sein, ich streite auch überhaupt nicht so gerne. Am besten, du fragst meine Ex-Freunde, was die dazu sagen.
(Die Schwester meldet sich:) «Du kannst gut zuhören und liebst es zu kommunizieren. Das finde ich gut.»

Worum geht es im Song «Cashmere»?
Um einen One-Night-Stand. Anfangs. Dann kommst du auf den Gedanken, dass du den Jungen doch recht gern magst. Also lässt du etwas bei ihm liegen, damit du einen Vorwand hast, ihn wiederzusehen. In diesem Fall halt einen Kaschmirschal.

Ist das deine übliche Vorgehensweise in diesen Fällen?
Das Konzept ist mir geläufig. Aber ich habe Freundinnen, die machen noch viel krassere Sachen.

Nämlich?
Eine verspritzt ihr Parfum auf dem Bett, bevor sie geht. Sie will, dass der Junge sie anschliessend noch in der Nase hat. Ist das nicht verrückt? Ein bisschen schon, oder? Mir wird etwas mulmig, wenn ich daran denke.

Rita, du wirkst wie eine sehr furchtlose und unerschrockene Person. Gibt es etwas, wovor du Angst hast?
Vor Clowns! Schrecklich, die machen mich wahnsinnig. Und Zauberei kann ich mir nicht anschauen, diese Tricks finde ich total gruselig.

Was hat sich für dich persönlich geändert in den sechs Jahren von «Ora» zu «Phoenix»?
Ich bin älter geworden. Viel älter. 28! Wuuaaahh!

28 ist doch immer noch jung!
Echt, findest du? 28 ist nur zwei Jahre entfernt von 30.

Also ist 30 alt?
Yeah, 30 ist alt. Was denn sonst? Diejenigen meiner Freunde, die schon 30 sind, sagen jedoch, mit 30 erreiche man die absolute Blüte, fühle sich fantastisch und sehr sexy. Also warten wir es mal ab (lacht). Vielleicht ist die alte Lady, die mal ich werde, ja ganz cool.

Rita Ora
08.07.2019, Montreux Jazz Festival
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