Nix «Hakuna Matata»– so fabelhaft wie im «König der Löwen» ist es im wahren Afrika nicht – müssen die beiden Missionare schnell feststellen.

Wer von Musicals eine weichgespülte Glitzerwelt erwartet, wird von «The Book of Mormon» überrascht sein. Dieser Bühnenshow ist nichts heilig. Sie strotzt vor beissender Ironie, bricht Tabus und ist stellenweise äusserst derb. Aber vor allem lustig.

Sie läuten auch bei uns: Immer zu zweit und mit übergrossem Namenschild am blütenweissen Kurzärmel- Hemd und mit schwarzer Krawatte ziehen sie adrett und geschniegelt von Haus zu Haus – um zu fragen: «Guten Tag, darf ich Ihnen von einem Buch erzählen, das Ihr Leben verändern wird?» Sie wirken wie Karikaturen von Versicherungsvertretern, Mormonen, die vom amerikanischen Salt Lake City aus in alle Länder ausströmen, um dort ihre Frohbotschaft in die weitere Welt hinauszutragen – und um neue Anhänger zu gewinnen und zu taufen.

Eine heile Welt aus unbändigem Optimismus, erzeugt durch tiefsten Glauben – daran wollen die Mormonen die ganze Welt teilhaben lassen.

Wie alle Mormonen aus innerster Überzeugung wissen, haben Gott und Jesus anno 1830 einen Mann namens Joseph Smith in New York besucht. Dieser grub später einen Stapel goldener Schrifttafeln aus und schuf damit das Fundament einer neuen Religion. In Salt Lake City entstand die Hochburg der Mitglieder der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage», auch als Mormonen bekannt, ist.

 

Das alles lernen wir zu Anfang der Show – hauptsächlich aber geht es im Musical um die Geschichte zweier junger Missionare: Elder Price und Elder Cunningham sollen in Afrika neue Mitglieder anwerben. Das stellt sich allerdings schwieriger heraus als gedacht, wurden doch die Afrikaner bereits wiederholt von missionierenden Katholiken über Gott aufgeklärt, und doch hat sich an ihrem üblen Leben nichts geändert. Weshalb sie allem Religiösen eher skeptisch gegenüberstehen – und was sie auch in ihrem Song «Hasa Diga Eebowai» sehr unverblümt ausdrücken. Der Song sorgt für gute Laune – doch was dieser Slogan übersetzt genau bedeutet, schreiben wir hier mal besser nicht hin.

Vor allem der wohlbehütet aufgewachsene Sonnyboy Elder Price hatte sich das Missionarsdasein ganz anders vorgestellt, viel lieber wäre er doch in der heilen Disney- und Strandferienwelt von Florida auf Bekehrungstour gegangen. Hier in Afrika soll er Menschen zur mormonischen Taufe bewegen, die in einer Welt mit Armut, Gewalt und Hunger leben, gepeinigt von widerlichen Krankheiten und tyrannischen Warlords, die auch mit wohlstandsverwöhnten Missionars-Bubis nicht zimperlich umgehen.

Elder Cunningham hat die junge Nabulungi mit abenteuerlichsten Predigten überzeugt: Will sie mehr als sich nur von ihm taufen lassen?

Irgendwann wird Elder Cunningham kreativ: Selbst hat er das Buch der Mormonen noch gar nicht gelesen, weil es so langweilig ist. Was ihn nicht davon abhält, es in seiner Erzählung fantasievoll umzudichten und dabei Figuren und Vorkommnisse aus «Star Trek»,  Star Wars» und dem «Herr der Ringe» einzuflechten – so kann er die Afrikaner begeistern. Mit der jungen, gutgläubigen Nabulungi findet er schliesslich eine erste Taufwillige. Die Gesangsszene mit den beiden ist ein lieblicher Kontrapunkt zum sonst eher turbulenten Bühnengeschehen. Oft wird es hier so unverblümt wie unverschämt, Gag reiht sich an Gag – Dinge werden beim Namen genannt – und in einem sehr bildlich dargestellten Horror-Höllentraum frönen selbst Hitler sowie bekannte fiktionale und wirklich einst existierende Massenmörder und Schreckensgestalten ihrem schändlichen Tun.

Die drei Talente, die für Story, Musik und Text des Musicals verantwortlich zeichnen, haben eine Vorgeschichte: Trey Parker und Matt Stone sind die Schöpfer der Kult-TV-Animationsserie «South Park», die in den USA bereits seit 22 Staffeln Erfolge feiert und die auch bei uns seit 1999 von Liebhabern beissender Satire heiss verehrt wird. Schon dort fielen die beiden Kreativköpfe immer mal wieder mit Religionspersiflagen auf. Der Dritte im Bunde, Robert Lopez, hat sich als Mitschöpfer des Broadwaymusicals «Avenue Q» einen Namen gemacht. Schon kurze Zeit nach der Weltpremiere im New Yorker Eugene O’Neill Theatre wurde «The Book of Mormon» mit neun Tony Awards gesegnet. Insgesamt gabs über 30 internationale Auszeichnungen.

Erstmals kommt das mittlerweile auch in London, Melbourne und Sydney erfolgreiche Bühnenspektakel nun in die Schweiz – in englischer Originalfassung. Wie erklärt sich der grosse Erfolg, die begeisterten Kritiken? Warum gab es kaum Entrüstung und Proteste? Aller Derbheit zum Trotz ist «The Book of Mormon» nicht platt – die Ironie der Gegensätze treibt die Geschichte voran. Ihr Rückgrat ist eine gekonnt konzipierte, durchwegs unterhaltende Storyline nach klassischem Muster mit gut angesetzten Figuren, die im Laufe der Geschichte eine innere Wandlung durchmachen – letztlich könnte man die auf den ersten Blick blasphemische Geschichte sogar so auslegen, dass Religion eine prima Sache sein kann. Selbst die echten Mormonen machen in den USA gute Miene zum gottlosen Spiel – und werben im Programm der Broadway-Produktion des Musicals mit ganzseitigen Anzeigen für sich, und ihr heiliges Buch, deren Version der Geschichte gemäss ihres Glaubens ja «eeetwas anders» als jene im Musical sei.

 

The Book of Mormon
10. – 31.12.2019, Theater 11 Zürich
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