Schon seit seinem Besuch bei «Wicked» in Stuttgart und später in London war die Hexen-Show das Lieblingsmusical unseres Redaktors Michel Imhof. Umso grösser war seine Freude, als er hörte, dass «Wicked» in die Schweiz kommt. Noch grösser, als er erfuhr, dass er einen exklusiven Backstagerundgang bei der internationalen Tourproduktion machen kann – auf den Philippinen!

hexeBevor Wicked in Zürich startet, war dieselbe Tourproduktion lange im asiatischen Raum unterwegs: Hongkong, Shanghai, Singapur und die philippinische Hauptstadt Manila wurden von den beiden «Wicked»-Hexen heimgesucht. Nach einer rund 24-stündigen Hinreise stand ich im tropischen Manila, aber auch gleichzeitig im Zauberland Oz.

Erster Stopp am Tag nach der Ankunft war die Premiere in einem Casinokomplex etwas ausserhalb des Stadtkerns. Das ganze Essen beim Apéro, die Kleider, die Deko und das Licht erstrahlte in Grün, Fans erschienen teilweise kostümiert. Und bei der anschliessenden Premierenparty gab es verrückte Tanz-Battles mit philippinischen VIPs und dem Ensemble von Wicked.

Erster männlicher Journalist in der Glinda-Seifenblase

interviewZwei Tage später stehe ich wieder im Theater, Techniker überprüfen die Bühne, der Zuschauerraum ist leer. «Heute steht auch für uns eine Premiere an», meint Anthony Fields, Company-Manager der internationalen Produktion von Wicked. «Du bist der erste männliche Journalist, der in der Luftblase von Glinda fliegen darf!» In dieser Blase erscheint die gute Hexe Glinda den Einwohnern von Oz. Fliegend kommt sie auf die Bühne, vor der Show wird sie sogar ganz nach oben gezogen.

Bei mir ist das alles einfacher: «Einfach still stehen bleiben und so wenig wie möglich bewegen», heisst die Instruktion. Und schon fahre ich zwei Runden in rund zehn Metern Höhe über die Bühne und schaue über den Theatersaal. Etwas mulmig ist mir schon. Bereits bei der kleinsten Armbewegung fing das Konstrukt an zu schwanken. Befestigt ist man nur mit einem Gürtel um den Bauch.

fliegender-michel

Höhenflug: Fast genauso wie Glinda durfte unser Redaktor Michel Imhof in der Seifenblase über die Bühne schweben.
Höhenflug: Fast genauso wie Glinda durfte unser Redaktor Michel Imhof in der Seifenblase über die Bühne schweben.

Der Flug auf der Bühne bringt mich einen Schritt weiter: Hinter die Bühne, wo die ganzen Requisiten, Kostüme und Perücken sind. Insgesamt 18 Schiffscontainer werden für den Transport der Produktion benötigt. 350 handgemachte Kostüme müssen unter anderem von Stadt zu Stadt transportiert werden. Eindrücklich sind vor allem die Details in den Kostümen, die man nur von ganz nah sieht. Kein Wunder, dass Wicked 2004 den Tony Award für das beste Kostümdesign gewann. Das hellblaue Kleid von Glinda (Bild unten) hat fast 100 000 Pailletten aufgenäht.

18 Schiffscontainer, 350 Kostüme und 75 Perücken für ein magisches Oz

Garderobenstadt: Hier hängen 350 handgemachte Kostüme.
Garderobenstadt: Hier hängen 350 handgemachte Kostüme.

Es ist ein ruhiger Nachmittag hinter der Bühne, die meisten Darsteller sind noch im Hotel und geniessen den freien Tag. Erst wenige Stunden vor der Vorstellung treffen sie im Theater ein. Trotzdem wird gearbeitet: Nur 31 von den insgesamt 71 Personen auf der Tournee sind Darsteller. Die restlichen Personen schauen, dass alles vor, während und nach der Vorstellung stimmt. In der Perückenabteilung wird repariert: «Die 75 Perücken sind alle handgemacht und aus Echthaar», erzählt Fields. «Allgemein ist alles auf die einzelnen Darsteller zugeschnitten. Sogar die Affenmasken.» Nur mit so einem Aufwand kann die Wunderwelt Oz auf die Bühne gebracht werden.

Alles handgemacht: Die 350 Kostüme, 75 Perücken und die Affenmasken sind für jeden Darsteller von Hand gefertigt.
Alles handgemacht: Die 350 Kostüme, 75 Perücken und die Affenmasken sind für jeden Darsteller von Hand gefertigt.

Auch im Orchestergraben herrscht Abwechslung. Die sieben Bandmitglieder bekommen an jedem Tourstopp sechs neue Kollegen: «Lokale Musiker ergänzen dann das Orchester. Das ist echt cool, so haben wir auch einen kulturellen Austausch und erleben die Tourstopps näher und intensiver.»

MaskeDoch nicht nur vor der Vorstellung wird hinter der Bühne viel gearbeitet, sagt Fields: «Manchmal ist auf der Bühne sogar weniger los als Backstage.» Requisiten werden auf die Bühne geschoben, den Darstellern wird in die Kostüme und Perücken geholfen und wo benötigt, wird nachgeschminkt. So wird die grüne Hexe Elphaba im Laufe des Musicals immer dunkler.

Alles automatisch und mechanisch? Von wegen!

Es gibt sogar einen versteckten Darsteller auf der Bühne, erzählt Steven Pinder, Darsteller des Zauberers von Oz: «Bevor ich auf die Bühne trete, ist der Zauberer von Oz nur eine grosse Maske. Diese wird nicht von mir, sondern von einem Bühnenarbeiter zu meinen Worten manuell gesteuert», erklärt er. «Er bewegt den ganzen Zauberer-Kopf und den Mund zur Stimme. Und lustigerweise heisst er hier in dieser Produktion auch Steven, gleich wie ich.»

Von Hand: Der riesige Kopf des Zauberers von Oz wird von einem Techniker zur Stimme des Schauspielers mechanisch gesteuert.
Von Hand: Der riesige Kopf des Zauberers von Oz wird von einem Techniker zur Stimme des Schauspielers mechanisch gesteuert.

Und trotz des intensiven Backstagerundgangs bleibt mir eine Frage unbeantwortet: Wie kann die grüne Hexe Elphaba beim Musical-Höhepunkt «Defying Gravity» zur Decke schweben? Nicht einmal das Gerät, welches für den Flug verantwortlich ist, habe ich gesehen. Vielleicht ist das auch besser so, denn so verliert dieser magische Lieblingsmoment nicht an Zauber.

Ab Mitte November fliegen die beiden Hexen auch in Zürich rum – egal ob mit Besen oder Seifenblase. Nach einer kleinen Pause ist die Produktion mit einem veränderten Cast bei uns zu Gast, bevor es die Hexen Ende Januar auf Tournee durch Grossbritannien und Irland zieht. Neben London die zweite Produktion auf britischem Boden – zu Recht!

WICKED
15.11. bis 31.12.17, Theater 11 Zürich
TICKETS

PLATZ 2 AM BROADWAY

Wicked feierte 2003 Premiere am Broadway in New York. Seither bricht die dortige Produktion alle Rekorde. Nachdem bekannt wurde, dass Wicked das Musical ist, welches am schnellsten einen Ertrag von einer Milliarde Dollar einspielte, überholte es im Juli mit 1,12 Milliarden Dollar den Erlös, welches das Phantom der Oper in dreissig Jahren Spielzeit einspielte (1,11 Milliarden). Das macht Wicked zum zweiterfolgreichsten Musical am Broadway, gleich nach dem Disney-Hit «The Lion King» (1,38 Milliarden), welches seit 1997 gespielt wird.

 

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