Erst einmal sind Dieter Meier und Boris Blank in Zürich mit Yello live aufgetreten. Damals als noch unbekannte Avantgarde-Band in einem kleinen Kino. Fast vier Jahrzehnte sind sie weltweit erfolgreich – und wagen sich jetzt auf die Bühne des Hallenstadions.

Es war am 18. September 1978 im Kino Forum an der Langstrasse, wo an einer Modenschau ein paar Performer auftraten – darunter auch die drei Musiker Dieter Meier, Boris Blank und Carlos Péron. Das ist 38 Jahre her, und seither hat man Yello in ihrer Heimatstadt Zürich nie wieder live auf einer Bühne spielen gesehen. Erst im November kehren Dieter Meier und Boris Blank auf die Bühne zurück – und zwar ins Hallenstadion.

Yello kennt man heute weltweit. Ihre Songs sind mehr als Hits – «Oh Yeah» und «bount bount…chickachicka» kennt man aus Filmsoundtracks und Werbespots, der Song «The Race» ist die Standarduntermalung jedes Autorenn-Beitrags. Boris Blanks ungewohnte Klänge und Rhythmen, Dieter Meiers sonorer Sprechgesang – damit haben die beiden Popgeschichte geschrieben. Mit 13 erfolgreichen Alben und über 12 Millionen Tonträgern ist das Duo laut Verwertungsgesellschaft Suisa unter den erfolgreichsten Schweizer Künstlern.

Oh Yeah! Einer ihrer bekanntesten Songs

Eigentlich könnten sich die beiden längst zur Ruhe setzen. Auch Boris feierte im März seinen 65. Geburtstag, veröffentlichte ein umfangreiches Solo-Album und entwickelte mit der Yellofier-App ein Musikstudio für die Westentasche.

Doch jetzt haben sich die beiden vor eine neue Herausforderung gestellt – und nochmal eine ganz neue Yello-Ära eingeläutet:

Das jahrelange, ständige und wiederholte Nachfragen unzähliger Interviewer hat offenbar Wirkung gezeigt. Visuell präsentierten sie sich bisher vorwiegend mit spektakulären, bunten und etwas surrealen Videoclips aus der Küche Meiers, der ja auch noch Regisseur ist und während knapp zwanzig Jahren auch eine Residenz mit Studio in Hollywood unterhielt.

Nach dem sagenumrankten Auftritt im längst geschlossenen Forum-Kino hat man die beiden Yellos nämlich fast nie mehr live gesehen – abgesehen von einem Auftritt im Roxy in New York 1983, an den World Music Awards in Monte Carlo 1990 und an einem Rave in Dortmund 1995. Fazit: Yello-Konzerte waren seltener als Sonnenfinsternisse.

Deshalb war die Überraschung gross, als Yello letztes Jahr zu vier Live-Konzerten mit einem Dutzend Begleitmusikern ins Berliner Kraftwerk einluden. Im November soll nun eine richtige Tournee folgen: Konzerte in grossen Hallen in Frankfurt, Hamburg, München, Wien, Stuttgart und Köln – und auch in Zürich.

Zudem wird Yello am 12. Juli am Montreux Jazz Festival im «Lab» performen – auch dieser Auftritt wird mit Spannung erwartet.

Die beiden empfangen uns in Dieter Meiers Villa, in dessen Untergeschoss sich auch das Yello-Studio befindet. Boris Blank ist seit Wochen damit beschäftigt, weitere Yello-Hits für die bühnentaugliche Darbietung vorzubereiten. Ein Software-Problem bereitet ihm Kopfzerbrechen, er telefoniert mit dem Supporter. Wir beschliessen, dass wir deshalb erst mit Dieter Meier sprechen, der uns oben im Cheminée-Wohnzimmer mit dem gemütlichen Sofa empfängt – und anschliessend mit Boris sprechen. Es geht los!

 

2016 im Kraftwerk Berlin: Yello improvisieren mit der Yellofier App

 

Dieter Meier: «Ich habe rhythmisch gebrummelt, weil ich nichts anderes konnte.»

Yello

Wenn man in Zürich nur einen Menschen kennen müsse, dann Dieter Meier, schreibt Alexander Graf von Schönburg in seinem Buch «Smalltalk». Der 72-jährige Yello-Sänger ist auch Aktionskünstler, Schauspieler, Regisseur, Buchautor und Unternehmer: Er produziert Wein, Fleisch – und will bald die Schokoladeherstellung revolutionieren.

event.: Dieter, mit Yello habt ihr bis jetzt erst einmal in Zürich live gespielt – das war vor fast 39 Jahren. Wie war das damals?

Dieter Meier: Es war unser erstes Konzert überhaupt. Zusammen mit weiteren Künstlern war ich dazu eingeladen worden, um an einer Multimedia-Show zu performen. Spontan beschloss ich, das mit Boris zusammen zu tun – der aber nicht live auftreten wollte. Im Kino Forum gab es einen Orchestergraben, und wir einigten uns auf den Kompromiss, dass Boris im Graben blieb, damit man ihn nicht sieht. Die Leute waren völlig überrascht – es war ein guter Zuspruch da. Und so ist Boris dann plötzlich aus dem Orchestergraben aufgetaucht. Er erschien da wie Neptun. Zuerst sah man nur seine Frisur und dann den ganzen Kopf. Das war eigentlich die Geburt von Yello.

Später, 1983, seid ihr dann im New Yorker Szene-Club Roxy aufgetreten.

Da wurden am Eingang alle auf Waffen untersucht. In der Garderobe lagen schon 30 Pistolen und 60 Messer, und Boris sagte: «Da gehen wir nicht rein, das ist ja lebensgefährlich.» Das Publikum, mehrheitlich African-Americans, hatte damit gerechnet, dass wir zwei schwarze Avantgardemusiker von der Westküste seien. Aber dann standen diese beiden Weissköpfe aus der Schweiz da.

Wie erklärst du dir euren Erfolg?

Boris ist ein natural born Musiker, Musik zu machen ist sein Leben, für mich war es eher ein Spiel. Ich habe das nicht so ernsthaft betrieben wie Boris. Er hätte auch Musik gemacht, wenn er nie eine Platte verkauft hätte. Musik ist für Boris Sauerstoff. Als wir uns kennenlernten, hatte er einen ganzen Koffer voll mit Kassetten. Wenn ich da reinhören durfte, fühlte ich mich wie ein Schatzsucher, der das Dusel seines Leben hatte.

Also kam der Erfolg überraschend?

Total, unsere Songs waren ja nicht Mainstream und schon gar nicht radiogängig. Weil wir Dilettanten waren, liefen wir nie Gefahr, uns den Trends anzupassen, weil wir es schlicht nicht konnten. Oft werde ich von jungen Musikern gefragt, wie wir das geschafft hätten: Es gibt zwei völlig unterschiedliche Wege. Der eine ist radikaler Opportunismus, aber wenn es nicht funktioniert, bist du wie eine Prostituierte, die alles unternimmt für eine Karriere und zum Schluss aber nicht einmal bezahlt wird. Der andere Weg ist das pure Gegenteil: Du findest und erfindest dich selbst in deiner Musik,

… was euch dann ja gelungen ist!

Yello-Song erkennt man nach 30 Sekunden. Meine Brummlerei ist eine Identität. Wir hatten beide keinerlei musikalische Ausbildung. In Musikschulen und Konservatorien lernt man sich in bestehenden Formen zu bewegen und man bringt es vielleicht zu grosser Virtuosität. Es ist dann aber schwierig, hinter dem professionellen Können seine Einzigartigkeit auszugraben.

Dann hast du eigentlich den Rap erfunden.

Ich habe rhythmisch gebrummelt, weil ich nichts anderes konnte. Die Parallelen zum Rap sind reiner Zufall.

Ist das jetzt speziell für euch, in Zürich aufzutreten?

Der Boris und das Dieterchen, vor eigenem Publikum in einem Eishockeystadion, das hätten wir uns nie träumen lassen.

Zuvor spielt ihr ja im Juli am Montreux Jazz Festival. Bringt ihr im viel kleineren Lab dieselbe Show?

Irgendwie werden wir das adaptieren, aber vielleicht wird es etwas improvisierter. Boris hat ja die Yellofier-App erfunden. Damit können wir live einen ganzen Song entstehen lassen. Ich muss Boris noch von der Idee überzeugen, der ist ja Perfektionist – die Sache kann auch in die Sound-Hose gehen. Das spielt aber keine Rolle. Die Leute haben Spass, wenn aus dem Nichts, unplugged & unrehearsed mit Klatschen, Schnippen, Schnalzen ein Musikstück entsteht.

 

Boris Blank: «Ich arbeite an 70 Songs gleichzeitig.»

YelloGanz früher jobbte Boris Leibovich Blank (65) als Lastwagenchauffeur, um sich seinen Soundexperimenten widmen zu können. Die meiste Zeit verbringt er im Studio, um tagtäglich an neuen Klängen zu tüfteln. Seine Yellofier-App ist ein Musikstudio für die Westentasche. 2014 erschien sein Solo-Album «Electrified». Noten lesen kann er übrigens nicht.

event.: Es ist fast 39 Jahre her seit eurem letzten gemeinsamen Auftritt in Zürich.

Boris Blank: Wenn mir jemand gesagt hätte, Boris, im Jahr 2017 wirst du mit Dieter live unterwegs sein, hätte ich gesagt: «Du spinnst, das kann ich mir nicht vorstellen.»

Ist die Vorbereitung aufwendig?

Ja, allein schon für die Konzerte in Berlin habe ich sieben Monate gearbeitet. Jetzt wollen wir noch mehr Yello-Hits für die Live-Performance aufbereiten. Wir wollen das nicht machen wie bei anderen Bands, wo alles vom Band kommt und sich die Künstler dazu nur ein wenig bewegen, sondern wirklich live spielen. Bei manchen Songs geht das aber nicht, eine gewisse Basis brauche ich vom Computer. Aber das meiste ist tatsächlich live – in Berlin haben etwa 14 Musiker mitgewirkt.

Stimmt es, dass du seit 40 Jahren Töne sammelst?

Ja, ich war schon damals Klangjäger und habe mir eine grosse Sound-Bibliothek zusammengestellt, die auch heute noch existiert.

Benutzt du die Geräusche von damals immer noch?

Ja, ich recycle sie und bearbeite sie mit neuster Technologie, die mir die Möglichkeit gibt, quasi unter dem Mikroskop eine scheinbare Oberfläche anzusehen und dann in die molekulare Struktur einzutauchen. Das geht auch mit dem Yellofier, meiner App.

Wie ist die App entstanden?

Die Grundidee kam von mir – zusammen mit dem schwedischen Crack Håkan Lidbo habe ich sie umgesetzt. Ales er mich in Zürich besuchte, habe ich ihm gesagt, es wäre cool, einen Stepsequenzer zu haben, bei dem man auf jeden einzelnen Schritt einen Effekt zuordnen könne. Wir haben dann schon auf dem Tisch Skizzen gemacht. Nach zwei Wochen hatte er jemanden gefunden, der das programmieren konnte. Nac einigen Testversionen war die App dann fertig.

Und jetzt setzt ihr die App auch live ein?

Ja, ich habe in Berlin einen Song live gemacht. Ich war erst dagegen, doch die Leute stehen extrem drauf.

Du arbeitest hier im Studio Tag für Tag zu festen Arbeitszeiten?

Ja, ich mache auch jeden Tag um 12 bis 13 Uhr Mittagspause.

Wie ein Beamter!

Ja, das brauche ich, die Regelmässigkeit gibt mir Freiraum. Wenn ich dann dran bin, habe ich mein Universum. Ich bin wie ein Mönch in Klausur, der das zelebriert. Das ist wie eine Meditation, Regelmässigkeit, eben – wie ein Beamter!

Und wenn du mal schlechte Laune hast?

Habe ich nie. Ich bin ein recht ausgeglichener Mensch. Manchmal gibt es Stimmungen, in denen ich ein bisschen melancholischer bin.

Merkt man das dann an der Musik?

Ich glaube schon. Es gibt sehr viele Stücke, bei denen ich Bilder male. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an 70 Songs, da nehme ich immer das eine und das andere. Je nach Stimmung ein Bild, an dem ich weitermale.

Wie reagierte das Publikum in Berlin?

Der erste Abend in Berlin war etwas steif. Da war vor allem geladene Presse da. Aber an die anderen Konzerte kamen Yello-Fans aus der ganzen Welt, Leute aus Australien und Neuseeland, aus Norwegen und den USA usw.. Es ist tatsächlich so, wie ich das schon oft von Livemusikern gehört habe. Das unmittelbare Feedback des Publikums ist total euphorisierend.

 

Limbo – Yellos neuestes Video

YELLO
30.11.2017 Hallenstadion Zürich
12.07.2017 Montreux Jazz Festival
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